Ertragsbetrieb

Das Organisatorische

Die 250 Ertragsvölker unserer Berufsimkerei sind auf 30 Stände verteilt. In vielen Bereichen ähnelt die Betriebsorganisation unserer Ertragsvölker der bestens bekannten Betriebsform von Wolfgang Golz. Unsere kleinen Stände mit je 8 Völkern sind feste Standplätze in verschiedenen Trachtlagen, es wird also nicht mit den Bienen gewandert. Die Betriebsweise in Dadantbeuten wurde in ihren Grundzügen von Br. ADAM übernommen und muß daher nicht im Detail erklärt werden. Sie beschränkt sich (neben ¼ Bauerneuerung und Umweiselung bei Bedarf) im wesentlichen, wie Br. ADAM einst zusammenfaßte, auf “eine bestmögliche Pflege und Überwachung der Ertragsvölker“. Also kein Schröpfen, keine Brutdistanzierung, kein Wabenwechsel zwischen Brut- und Honigraum (somit auch keine Ernte aus varroabehandlungsverseuchtem Wabenbau, davon später mehr), keine Ablegerbildung im üblichen Sinne, auch kein Rotationsprinzip (weil zu aufwendig und zu teuer, bei fehlender Spättracht nicht erforderlich).

Im zeitigen Frühjahr nach den ersten Reinigungsflügen, bei uns gewöhnlich gegen Mitte März (jedenfalls aber vor der Weidenblüte), reinigen wir die Bodenbretter. Gleichzeitig entfernen wir aus dem Brutraum sämtliche unbesetzten oder leeren Seitenwaben. Das Schiedbrett engt das Volk auf der tatsächlich besetzten Wabenzahl ein. Gewöhnlich sind die Seitenwaben um diese Zeit von den Bienen von Futterresten freigetragen. Größere Futtermengen in einzelnen Waben tragen die Bienen neben dem Schiedbrett oder außerhalb des Kastens innerhalb weniger Tage um. Innerhalb der nächsten Wochen erfolgt die Umweiselung der Ertragsvölker mit vorgeprüften, überwinterten Jungköniginnen der Vorsaison, das Ausgleichen der Völker, sowie die endgültige Zuchtauswahl unter den Altköniginnen. (auch davon später mehr).

Erweiterung der Völker: Generell erhalten die Völker den ersten Honigraum mit ausgebauten Jungfernwaben während der Kirschblüte, immer über Absperrgitter. Die Erweiterung des Brutraums erfolgt nur bei Bedarf, d.h. bei entsprechender Brutausdehnung, am Rande des Brutnestes ausschließlich mit Mittelwänden (durchschnittlich ¼ Erneuerung). Kurz vor der Sommersonnenwende, also während der Periode maximaler Brutausdehnung geben wir die neuen Brutwaben zum Zentrum hin, die ältesten/schlechtesten hingegen als Randwaben (einzige Umgruppierung im Brutkörper). Jeder weitere Honigraum wird OBEN aufgesetzt und weitgehend nur mit Mittelwänden bestückt. Die Bauzone des Bienenvolkes verlagert sich bei Tracht auf diese Weise fernab des Brutnestes. Die neuen Honigwaben sehen dadurch unvergleichlich frisch und appetitlich aus, das Wachs ist von feinster Qualität. Nebenbei bemerkt: Während Witterungsrückschlägen befindet sich der bereits eingetragene Honig in einer günstigen Warmzone und bleibt vor Feuchtigkeit geschützt.

Strenge Überwachung der Ertragsvölker während der Schwarmzeit, Ausreißen der Schwarmzellen falls vorhanden im 10 Tage Rhythmus. Diese Methode erfordert entgegen der Lehrmeinung nicht viel Arbeitsaufwand, da nur ein Brutraum vorhanden ist. Den Honigraum muß man dabei überhaupt nicht öffnen, er wird mitsamt Deckel zur Seite gestellt. Am Gewicht erkennt man den Grad der Füllung. Bei günstiger Witterung ist die Kontrolle von 80 - 100 Völker am Tag auf 10 oder 12 verschiedenen Ständen keine Seltenheit (1 Mannbetrieb). Zwischen 2 Kontrollgängen bleiben also mindestens 6 Tage für anfallende Arbeiten zuhause, sowie für die umfangreiche Zuchtarbeit und Besamung.

Abgeerntet wird jeweils nach Trachtende mittels Bienenfluchten (also Ende Mai resp. Ende Juli, Zwischentrachten werden ausnahmsweise geschleudert.). Das Einlegen der Bienenfluchten erfolgt gleichzeitig mit einer der Schwarmkontrollen im Frühjahr, im Spätsommer gleichzeitig mit einer Startfütterung von ca. 5 Ltr von unten, falls notwendig. Zusätzliche Anfahrtswege sind also eher ein theoretisches Gegenargument beim Einsatz der Bienenfluchten als die Realität.

Diese Betriebsweise hat neben geringen Materialkosten/aufwand (bedenken Sie, daß außer leeren resp. vollen Honigräumen ab Frühjahr nichts mehr zu/von den Völkern transportiert wird) unermessliche Vorteile aus züchterischer Sicht:

Die Auswertung der Ertragsvölker

Anders als in der Großtierhaltung gibt es bei der Honigbiene keine anwendbaren standardisierten Haltungsbedingungen. Einzige Ausnahme: Die Forderung nach uneingeschränkter Entwicklungsmöglichkeit, ohne wesentliche Manipulation, für jedes Bienenvolk. Eine treffsichere Auslese ist in der Bienenhaltung immer ein sehr verwickeltes Problem. Außerdem überdecken günstige Verhältnisse manche Fehler und Mängel der Bienen, besonders hinsichtlich der Vitalität und der Krankheitsanfälligkeit. Die Verteilung der Ertragsvölker auf viele kleine Stände, wie bei uns aus wirtschaftlicher Sicht unumgänglich, erschwert zusätzlich die Übersicht.

Auf der Tabelle ist das Beispiel eines Standes mit 8 Ertragsvölkern aufgeführt:
Unter den Angaben zur Saison die Nummer des betreffenden Volkes, nach rechts:
der Jahrgang der Königin, die Abstammung, dann die Angaben zu den verschiedenen Eigenschaften:

Vitalität für Bienen und Brut, Sanftmut, Schwarmträgheit, Fruchtbarkeit (d.h. Brutleistung) des Volkes, Ertrag in der Frühtracht und der Sommertracht, Wirrbau im Kasten, Anwendung von Propolis, Angaben zum Futterverbrauch sowie eine Auswertung des Varroabefalls.

Der schlechteste Wert wäre “0“ und die Zahl “6“ die bestmögliche Wertung. (Also bei Honig heisst 6 “viel“; bei Varroa oder Propolis ist 6 “wenig“). Die einzelnen Eigenschaften stehen zum Teil in engem Zusammenhang untereinander (obwohl aus genetischer Sicht verschieden) und müssen zudem in Relation gebracht werden mit:

Am Ende ergibt sich aus der Summe der Bewertungen ein Zuchtfaktor, der die Position des betreffenden Volkes in der Datenbank vorgibt. Selbstverständlich ist eine unterschiedliche Gewichtung einzelner Bewertungspunkte möglich.

Die züchterische Erfahrung aber spielt in der Auswertung von Bienenvölkern die entscheidende Rolle. Genauso die Tatsache, daß nur die intensive Überwachung einer möglichst großen Zahl von Königinnen und Zuchtlinien durch ein und dieselbe Person über eine Anzahl von Jahren zu Vergleichsresultaten führen kann, die ihrerseits eine Basis für die Selektion bilden. Dazu gehört m.E. auch der Verzicht auf eine intensive Wanderung (es sei denn diese wird mit allen Völkern unter gleichen oder ähnlichen Bedingungen durchgeführt) sowie auf größere Modeumstellungen hinsichtlich der Betriebstechnik.

Erfolg in der Züchtung wird langfristig nur derjenige haben, welcher mit viel Beharrlichkeit, Ausdauer und Aufgeschlossenheit, ohne jede Vorurteile seine Zuchtziele verfolgt.

Febr. 1994 / Update 2014
Paul Jungels